Gewaltprophylaxe

Gewalt in der Pflege ist ein wichtiges Thema. Dabei sprechen wir sowohl von der Gewalt von Patienten gegenüber Pflegekräften, als auch von Pflegekräften gegenüber ihren zum Schutz und zur Pflege anvertrauten Patienten.

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Mehr als die Hälfte aller Pflegenden hat schon Gewalt erfahren, doch auch eine Vielzahl von Pflegekräften hat sich Patienten gegenüber problematisch verhalten. Kein Wunder also, dass die Gewaltprophylaxe in der Pflege und in der Altenpflege in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Pflegemaßnahmen zur Gewaltprophylaxe sollen dabei allen Beteiligten helfen, einen friedvollen und professionellen Umgang miteinander zu bewahren. Wie Gewaltprophylaxe in der Pflege funktioniert, wie Gewalt entsteht und welche Maßnahmen angewendet werden können, erfahren Sie bei uns.

Gewaltprophylaxe: Wie erkenne ich Gewalt?

Um Gewaltprophylaxe und Maßnahmen anwenden zu können, müssen Sie wissen, was Gewalt ist und wie sie zu erkennen ist. Gewalt geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen und äußert sich nicht immer nur in körperlicher Gewalt. Gerade in der Pflege kann es eine Gratwanderung bedeuten, das Wohle des Patienten im Sinn zu haben, ohne beispielsweise gegen seinen Willen zu handeln. Doch wo fängt Gewalt genau an und wo hört sie auf? Zu unterscheiden sind:

1. Gewalt gegen Patienten

  • körperliche Misshandlung in Form von zu festen Griffen, Kniffen, Schlägen
  • psychische und verbale Misshandlung in Form von Demütigungen, Beleidigungen, unangebrachten Scherzen oder auch übertriebener Babysprache
  • Entzug von Hilfsmitteln, die den Patienten in seinen eigenen Fähigkeiten unterstützen würden
  • Freiheitsberaubung in Form vermeidbarer Fixierungen
  • sexueller Missbrauch
  • Substanz- und Medikamentenabusus als Form der Ruhigstellung
  • finanzielle Ausbeutung
  • Vernachlässigung auf emotionaler und pflegerischer Ebene

2. Gewalt gegen Pflegekräfte

  • körperliche Misshandlung in Form von Schlägen, Tritten, Bissen, Kniffen etc.
  • emotionale Misshandlung in Form von Beschimpfungen etc.
  • sexuelle Misshandlung

Trotz dieser relativ klaren Abgrenzungen gibt es immer wieder Situationen, in denen es unklar ist, ob nun Gewalt vorliegt oder nicht. Hier muss nach dem Willen des Patienten differenziert werden. Liegt etwa eine Rechtfertigung für das Verabreichen eines Medikamentes vor, gegen das der Patient sich gerade wehrt, weil er desorientiert ist? Ja, wenn es ein Medikament ist, dem er im Rahmen einer (möglichen) Patientenverfügung zugestimmt hat. Nein, wenn es sich dabei um ein Medikament handelt, dass ihn medikamentös fixieren, also sedieren soll.

Was sind Risikofaktoren für Gewalt und welche Maßnahmen im Rahmen der Gewaltprophylaxe können ergriffen werden?

Für gewalttätiges Verhalten gibt es Ursachen. Liegen diese nicht vor, entsteht auch Gewalt nicht. Was so einfach klingt, kann schwierig sein. Dennoch ist es möglich, Situationen zu entschärfen, in denen Gewalt auftritt. Auch hier unterscheiden wir zwischen:

1. Risikofaktoren bei Patienten

Pflegebedürftige befinden sich oft in Situationen, die sie nur schwer akzeptieren können. Sie geraten in einen emotionalen Kreislauf aus Angst und Verzweiflung, fühlen sich hilflos und von anderen Menschen abhängig. Werden diese Gefühle zu viel, entladen sie sich in gewalttätigen Verhaltensweisen. Auch schwerwiegende Erkrankungen oder infauste Diagnosen führen häufig zu einer Haltung, in der den Betroffenen alles egal zu sein scheint: Sie haben nichts mehr zu verlieren. Hier ist es wichtig, dass Pflegepersonen ihren Patienten mit Respekt und Verständnis entgegentreten. So fühlen sich die Betroffenen ernst genommen und zeigen Bereitschaft, über ihre Empfindungen zu sprechen.

Ist der Patient desorientiert, sind auch hier Verständnis und Respekt das A und O. Gegen das Erleben des Patienten zu argumentieren, ist oft sinnlos. In der Gedankenwelt spielt sich vieles anders ab, als wir es erleben. Ein besonderes Stichwort ist hier die Validation nach Naomi Feil. Gibt es bestimmte Themen, die Aggressionen und gewalttätiges Verhalten hervorrufen, ist es ratsam, diese nicht anzusprechen oder behutsam und freundlich davon abzulenken.

Wird oder ist der Patient schon aggressiv, sollte im Sinne einer Deeskalation kein aggressives Gegenverhalten stattfinden, sondern viel mehr ein ruhiger und freundlicher Dialog und die Bereitschaft zur Unterbrechung aller Aktivitäten, um sich abzukühlen. Eine gewissenhafte Dokumentation der Gewaltprophylaxe in der Pflegeplanung ist dabei Voraussetzung für eine Minimierung gefährlicher Situationen.

2. Risikofaktoren bei Pflegekräften

Werden Pflegekräfte gewalttätig, unterscheiden sich die Ursachen dafür natürlich. Pflegekräfte, die in ihrem Verhalten gewalttätig sind, leiden häufig unter einer massiven Überforderung, sind gestresst und stehen unter immenser körperlicher und seelischer Belastung. Innere Anspannungen entstehen aber auch dann, wenn das Betriebsklima oder das Verhältnis unter den Kollegen schlecht sind. Der tägliche Kontakt zu Krankheit und Tod ist überdies oft eine belastende Situation.

Hier hilft die offene Ansprache auftretender Probleme. Dass sich eine Unterbesetzung nicht ohne Weiteres in Luft auflöst und sich die körperliche Belastung dadurch verringert, sollte dabei logisch werden. Probleme, die das Betriebsklima und das Verhältnis der Kollegen untereinander betreffen, können jedoch angesprochen und bewältigt werden. Der regelmäßige Austausch über Gefühle und das eigene Empfinden kann zudem hilfreich sein, belastende Ereignisse zu verarbeiten.

Was sind weitere Maßnahmen der Gewaltprophylaxe?

Oft kann es hilfreich sein, eine schwierige Situation nicht allein zu bewältigen. Wenn es also möglich ist, kann einem schwierigen Patienten mit zwei Pflegekräften begegnet werden. Der Sicherheitsabstand sollte gewahrt werden, sofern das möglich ist. Schmuck, an dem leicht gezogen werden kann, sollte vor der Versorgung des Patienten abgenommen werden. Eine ruhige und freundliche, aber auch bestimmte Ausstrahlung kann helfen, eine Situation mit Respekt zu lösen. Kommt es dennoch zu gewalttätigen Handlungen, so sollte Hilfe geholt werden. Ein Verlassen der Situation kann auch zielführend sein.

Erfahren Sie als Patient oder Angehöriger Gewalt durch eine Pflegekraft, so ist das Gespräch mit dem Vorgesetzten zu führen. Missstände müssen deutlich gemacht werden, um so zukünftige Situationen nicht eskalieren zu lassen.